Qualitätsdebatte in Österreich

Qualitätsdebatte in Österreich

Von Engelbert Washietl, verfasst 2002

Die „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ)

Lautstärke und Frequenz der Rufe nach mehr Qualität im Journalismus korrespondieren nicht notwendigerweise mit dem tatsächlichen Qualitätspegel, wie immer der auch gemessen wird. Tatsache ist, dass in Österreich in den zurückliegenden zehn Jahren die Auseinandersetzung mit dieser Qualität immer wieder geführt wurde, allerdings mehr in einem Seitentrakt der viel spektakuläreren Entwicklungen ökonomischer oder verlagspolitischer Natur der Medienindustrie. Um journalistische Qualität ging es 2001 sogar auf gesetzlicher Ebene, indem im neuen Rundfunkgesetz für den ORF ein Qualitätskriterium, ein Auftrag zur Qualität, ausführlicher als bisher formuliert wurde.

Die Qualitätsdebatte innerhalb und außerhalb der Medienbranche lässt sich naturgemäß auf keinen gemeinsamen Nenner bringen, sie ist facettenreich, widersprüchlich, manchmal spontan, immer kritisch, fast immer pessimistisch, manchmal auch rechthaberisch, indem einzelne Medien eine Art Qualitätsmonopol für sich beanspruchen und fortan irgendwo im Olymp die Niederungen nicht mehr wahrnehmen, schon gar nicht die eigenen.

Die Gründung des „Vereins Qualität im Journalismus“ in der Schweiz gab den Anstoß, in Österreich eine parallele Entwicklung einzuleiten. Wir lernen ja immer gern von unseren Nachbarn jeglicher Himmelsrichtung. Treibende Kraft war zunächst der Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, Hans Heinz Fabris, der einschlägige Erfahrung aufzuweisen hat. Sein Institut erarbeitet nämlich seit 1996 jährlich einen „Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich“, eine Art Qualitäts-Monitoring der Medienstruktur (http://www.kowl.sbg.ac.at).

Auf Initiative von Fabris kam es am 11. Dezember 2000 zur Gründung des „Vereins zur Förderung der Qualität im Journalismus“. In seinem Vorstand befinden sich führende Vertreter österreichischer Medien einschließlich der Austria Presse Agentur, des ORF und des Privatfernsehens ATV, das inzwischen die einzige Lizenz zur Ausstrahlung eines bundesweiten Fernsehprogramms erhielt. Professor Fabris bildet die personelle Verbindung zur Kommunikationswissenschaft, der erste Vereinsvorsitzende Meinrad Rahofer (2001-2002) verklammerte den Qualitätsauftrag mit der wichtigen Ausbildungsfrage – er ist der Chef des Kuratoriums für Journalistenausbildung in Salzburg.

“Der Vereinszweck besteht in der Förderung und Sicherung der Qualität im österreichischen Journalismus.“

Als Maßnahmen zur Erreichung des Vereinszwecks nennt das Statut:

„Förderung der Diskussion und Zusammenarbeit zwischen journalistischer Praxis und Wissenschaft; Durchführung von einschlägigen Veranstaltungen; Förderung der wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich; Förderung der Publikation von periodischen Berichten zur Entwicklung der Qualität im österreichischen Journalismus; Kooperation mit Berufsverbänden und Einrichtungen wie dem Österreichischen Presserat; Beratungstätigkeit für Medienunternehmen und Berufsverbände bezüglich Qualitätsförderung und Qualitätssicherung.“

Ende 2002 beschloss der Verein, sich einen etwas griffigeren Namen zuzulegen, nämlich: „Initiative Qualität im Journalismus“. Die embryonale Phase hat der Verein hinter sich, und das ersten Jahr seines Bestehens war auch das Jahr einer nicht unwichtigen Richtungsgebung. Obwohl nämlich die Idee zur Gründung vom akademischen Boden ausgegangen war, landete der Verein beinahe blitzartig im praktischen Bereich der journalistischen Berufswelt und ihren Problemen. Unter vorläufigem Verzicht auf weitere, über das Statut hinaus gehende Präambeln, Proklamationen und Definitionen wählte der Vorstand den Weg der Projektarbeit und veranstaltete gemeinsam mit dem Kuratorium für Journalistenausbildung die Diskussion „Katastrophenjournalismus“ (19.1.2001 im Gefolge des Bergbahnunglücks in Kaprun) sowie in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsblatt zwei Fachsymposien zu aktuellen Themen:

Mediendaten im Härtetest (29. April 2001 im Radisson SAS Palais Hotel in Wien): eine halbtägige intensive Auseinandersetzung mit der Qualität der Media-Analyse und der Österreichischen Auflagenkontrolle ÖAK, die zu dieser Zeit beide einem internen Reformprozess unterworfen waren. Dieser ist mittlerweile zum Abschluss gekommen. Bemerkenswert war, dass sich an dieser Tagung mit ca. 100 Teilnehmern nicht nur Spitzenleute aus dem Verlags- und journalistischen Bereich beteiligten, sondern Repräsentanten aus der Werbung und der Mediaplanung, für die die Mediendaten ja in erster Linie gemacht werden. Auf eine Kurzformel gebracht: Wir diskutierten offen darüber, wie sehr wir uns selber mit scheinbaren Erfolgszahlen beschwindeln, oder aber, wie verlässlich die Erhebungsdaten doch sind oder wenigstens sein könnten.

Es referierten und diskutierten unter anderen: Der-Vorstandsvorsitzende der Styria Medien AG Dr. Horst Pirker, Profil-Heausgeber Dr. Christian Rainer, der kaufmännische Direktor des ORF Dr. Alexander Wrabetz, Prof. Fritz Karmasin vom Österreichischen Gallup Institut, Rudolf Kobza von FCB Kobza, Peter Lammerhuber von MediaCom, Franz Alexander Späth als Diskussionsleiter sowie die Chefs von Media-Analyse und Auflagenkontrolle, Erwin Vaskovich und Rudolf Wolfbauer. Herbert Riehl-Heyse, Autor medienkritischer Bücher und Leitender Redakteur der SZ, hielt den Gastvortrag: „Qualität unter Druck“.
Wirtschaft und Medien – sie brauchen einander, missbrauchen sie einander? (5. November 2001 im Siemens-Forum in Wien). Dieses Symposion wurde zu einer sehr offenen und ehrlichen Auseinandersetzung über eine Grenzlinie hinweg, die von manchen Journalisten auch als Frontlinie verspürt wird. Wie ist es mit der journalistischen Freiheit im durch-ökonomisierten Medienbetrieb bestellt, hat sie eine Überlebenschance und, ganz wichtig, liegt der Erhalt dieser journalistischen Unabhängigkeit vielleicht mehr im Interesse der Wirtschaft und Werbewirtschaft, als deren Vertreter manchmal ahnen.

Es referierten und diskutierten unter anderen: Siemens-Vorstand Franz Geiger, Vorstand der Investkredit Bank Dr. Wilfried Stadler, PanMedia Western Werbeplanung Chefin Dr. Elisabeth Ochsner, Michael Fleischhacker (damals Standard), Dr. Andreas Unterberger (Presse), Wolfgang Mayr (APA), Erich Helmut Buxbaum, Generaldirektor der Unilever und IAA-Präsident.
Bei dieser Tagung wurde anhand konkreter Beispiele herausgearbeitet, dass die Unterbietung des Niveaus auf dem Zeitungsmarkt nicht notwendiger Weise zum Erfolg führt, sondern auch zum Misserfolg. Die unverblümte Aussage von PR-Fachleuten und Mediaplanern und nicht etwa von Journalisten lautete: Eine Medienprodukt kann durch ihren Stil, ihr Profil und ihre Marke ein dermaßen negatives Umfeld bilden, dass sich die inserierenden Unternehmen mehrheitlich weigern, dort hinein zu gehen.

Wenn ich also das Fazit dieser beiden Veranstaltung ziehe, so hat unser Qualitätsverein versucht, durch die Themenwahl in die Hintergründe dessen vorzustoßen, was heute mit Recht oft als Nicht-Qualität gebrandmarkt wird, also: Quotenjagd, Reichweitengier, Ökonomisierung des Redaktionsbetriebs, Product-Placement in den Medien, Versuch der Einflussnahme der Werbewirtschaft auf redaktionelle Inhalte, Ausblendung von wichtigen, aber unverkäuflichen Themen aus den Medien und Ähnliches mehr.

In einer gesonderten Veranstaltung leuchtete Herbert Riehl-Heyse den Hintergrund dieser problematischen Entwicklung aus. Publizistik-Institut Wien, Ö1, das Kuratorium für Journalistenausbildung und IQ veranstalteten am 24. Oktober 2002 im Radio Cafe gemeinsam Lesung und Präsentation seines Buches „Arbeiten im verminten Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus“ (Picus-Verlag). Heyse, der sich im deutschsprachigen Raum einen Namen als kritischer und selbstkritischer Journalist gemacht hatte, ist 2003 gestorben.

Die Initiative Qualität meldete sich öffentlich zu Wort, wenn dies nötig schien. Einschneidende Sparmaßnahmen in fast allen Medienhäusern waren am 17. Dezember Anlass zu dem Appell:
„Trotz der schwierigen unternehmenspolitischen Lage sollte Fragen der Aus- und Weiterbildung sowie einer soliden Personalentwicklung gerade jetzt Priorität eingeräumt werden. Dies ist um so wichtiger, als sich nach einer zu erwartenden wirtschaftlichen Erholung neue publizistischen Chancen auftun werden. Dann wird es von der Qualifikation und Professionalität der Mitarbeiter abhängen, ob die Medienunternehmen diese Chancen voll nützen können.“

Was ist Qualität?

Von einer Qualitäts-Initiative sollte man erwarten dürfen, dass sie weiß, was journalistische Qualität ist. Nun wissen wir wahrscheinlich alle, was Qualität ist und was sie ausmacht, also weiß es natürlich auch unsere Initiative. Ich gestehe Ihnen aber, dass wir bis dato nicht einmal versucht haben, eine Definition journalistischer Qualität zu entdecken oder selbst zu finden. Ich schließe nicht aus, dass auch die Definitionsfrage eine der Lücken ist, die irgendwann doch gefüllt werden sollte, aber es ist das nicht unser vordringliches Anliegen.

Mit oder ohne Zutun der Qualitäts-Initiative, ich wage darüber kein Urteil, beschäftigen sich in Österreich immer mehr Leute, Journalisten und auch Medien mit Qualität. Das heißt zunächst nicht mehr als: sie führen Qualität im Munde.
Tatsächlich lässt sich journalistische Qualität ja am ehesten an Einzelmerkmalen festmachen, beispielsweise und keinesfalls taxativ aufgezählt:

  • Genauigkeit im Umgang mit Fakten,
  • wohl überlegte Auswahl der Nachrichten je nach ihrer Relevanz,
  • Auseinandersetzung mit Sachverhalten, anstatt billige Personenstücke zu dramatisieren,
  • Orientierung an einem Objektivitätsziel,
  • Orientierung an Menschenrechtsnormen,
  • Ausleuchten von Hintergründen
  • Oder auch, wie der Kommunikationswissenschaftler Stephan Russ-Mohl in Bezug auf die professionellen Nöte mit Marktgesetzen und Quoten meint: Ein seriöser Journalismus versteigert seine Aufmerksamkeit nicht meistbietend, sondern teilt sie unbestechlich nach seinen eigenen journalistischen Kriterien, also nach Nachrichtenwerten, zu.

Nun werden aber in der Debatte recht freizügig Kriterien hinzu gefügt, bloß weil sie jemandem gerade besonders gut passen. Es gibt ja unzweifelhaft eine eindrucksvolle blattmacherische Qualität, sogar der größte Schund ließe sich blattmacherisch optimal präsentieren. Es gibt die Aufdecker-Qualität, die sehr oft, aber durchaus nicht immer ohne ernsthafte Kollision mit anderen Qualitätsmerkmalen zum Erfolg gelangt. Und es gibt schließlich – und da wird es besonders heikel – die Qualität des medialen Erfolges. Darf man einem Produkt, das auf dem Markt ein Bombenerfolg ist, Qualität absprechen? Natürlich darf man das, man wird allerdings auf der Gegenseite und auch beim erfolgs-faszinierten Publikum wenig Beifall ernten. Und muss sofort, um nicht missverstanden zu werden, hinzu fügen: Qualität schließt Markterfolg nicht aus.

Ich erwähne das alles nur, um zu zeigen, dass das Eis, auf dem sich die Qualitätsdebatte bewegt, stellenweise glatt und vielleicht sogar brüchig sein kann. Im Vorstand der österreichischen Qualitäts-Initiative gibt es einen stillschweigenden Konsens: Der Verein soll sich nicht zum Richter aufspielen, will nicht Gut- und Schlechtpunkte unter den Medien und Journalisten verteilen. Er wird wahrscheinlich einmal einen Preis für qualitativ hochwertige Leistung vergeben, aber weder die Journalisten noch die Medien mit einem dauerhaften Qualitätssiegel ausstatten, so wie man BSE-freies Rindfleisch und giftfreie Lebensmittel markiert.

Diese Zurückhaltung geschieht nicht aus Feigheit, sondern erstens aus der praktischen Überlegung, dass Qualität bei keinem Medium und bei keiner Einzelperson in extrem-vollkommener Ausprägung zu finden ist, sondern immer auch von einem qualitativen Blackout begleitet sein kann. So wie ja auch die Nicht-Qualität in vollendeter Form keinem Medium und keinem Journalisten tribunalartig zugeschrieben werden sollte. Zweitens aber, und das ist der Hauptgrund: IQ sieht die Debatte und das Bemühen um journalistische Qualität als Erfolg an, und dieser Erfolg darf nicht dadurch verrammelt werden, dass man potenzielle Gesprächspartner von vornherein abwehrt und sie ins Abseits jagt.

Journalistische Qualität – österreichische Besonderheiten

Der eingangs erwähnte „Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich“ kommt auch für das Jahr 2001 zu wenig positiven Äußerungen. Zwei strukturelle Erscheinungen tragen dazu bei, dass Qualität unter Druck kommt, nämlich: a) die Begleiterscheinungen der „Mediokratie“, also der Vernetzung zwischen Politik und Journalismus und somit der Inszenierung der Politik als mediengerechte Show. Und b) die Medienkonzentration auf Kosten der Vielfalt.
Beides wirkt besonders fatal, wenn mit den Mitteln eines Pseudo- und Kampagnen-Journalismus gearbeitet wird – das ist ein dritter Beschwerdepunkt im Journalismus-Bericht.Die Wechselwirkungen zwischen Politik und Medien, über die die Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger („Die Demontage der Politik“, 1998) und Thomas Meyer („Mediokratie“, 2001) Bücher veröffentlichten, ist ein akutes Problem, mit dem sich Journalisten auseinandersetzen müssen und mit dem über Fachkreise hinaus das breite Publikum der Medienkonsumenten konfrontiert werden sollte. Denn das Transparentmachen der eigenen beruflichen Besonderheiten und Methoden gehört zur Informationsaufgabe der Journalisten.
Im dritten und bisher letzten Symposium (19. Mai 2003 im RadioKulturhaus) ging es speziell um das Berufsbild „Wer ist Journalist?“ mit Univ. Prof. Siegfried Weischenberg (Hamburg) als Gastreferent.Wien, 3.12.2002

Anm.:Teile dieses Textes stammen aus meinem Referat vor dem Kongress „Qualität zwischen Anspruch und Andruck“ des Deutschen Journalisten-Verbands DJV in Würzburg, 20./21. April 2002.

Bild: Pixabay