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Qualitätsdebatte in ÖsterreichVon Engelbert Washietl
Die „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ)Lautstärke und Frequenz der Rufe nach mehr Qualität im Journalismus korrespondieren nicht notwendigerweise mit dem tatsächlichen Qualitätspegel, wie immer der auch gemessen wird. Tatsache ist, dass in Österreich in den zurückliegenden zehn Jahren die Auseinandersetzung mit dieser Qualität immer wieder geführt wurde, allerdings mehr in einem Seitentrakt der viel spektakuläreren Entwicklungen ökonomischer oder verlagspolitischer Natur der Medienindustrie. Um journalistische Qualität ging es 2001 sogar auf gesetzlicher Ebene, indem im neuen Rundfunkgesetz für den ORF ein Qualitätskriterium, ein Auftrag zur Qualität, ausführlicher als bisher formuliert wurde. Die Qualitätsdebatte innerhalb und außerhalb der Medienbranche lässt sich naturgemäß auf keinen gemeinsamen Nenner bringen, sie ist facettenreich, widersprüchlich, manchmal spontan, immer kritisch, fast immer pessimistisch, manchmal auch rechthaberisch, indem einzelne Medien eine Art Qualitätsmonopol für sich beanspruchen und fortan irgendwo im Olymp die Niederungen nicht mehr wahrnehmen, schon gar nicht die eigenen.
Auf Initiative von Fabris kam es am 11. Dezember 2000 zur Gründung des „Vereins zur Förderung der Qualität im Journalismus“. In seinem Vorstand befinden sich führende Vertreter österreichischer Medien einschließlich der Austria Presse Agentur, des ORF und des Privatfernsehens ATV, das inzwischen die einzige Lizenz zur Ausstrahlung eines bundesweiten Fernsehprogramms erhielt. Professor Fabris bildet die personelle Verbindung zur Kommunikationswissenschaft, der erste Vereinsvorsitzende Meinrad Rahofer (2001-2002) verklammerte den Qualitätsauftrag mit der wichtigen Ausbildungsfrage - er ist der Chef des Kuratoriums für Journalistenausbildung in Salzburg. “Der Vereinszweck besteht in der Förderung und Sicherung der Qualität im österreichischen Journalismus.“ Als Maßnahmen zur Erreichung des Vereinszwecks nennt das Statut:
Ende 2002 beschloss der Verein, sich einen etwas griffigeren Namen zuzulegen, nämlich: „Initiative Qualität im Journalismus“. Die embryonale Phase hat der Verein hinter sich, und das ersten Jahr seines Bestehens war auch das Jahr einer nicht unwichtigen Richtungsgebung. Obwohl nämlich die Idee zur Gründung vom akademischen Boden ausgegangen war, landete der Verein beinahe blitzartig im praktischen Bereich der journalistischen Berufswelt und ihren Problemen. Unter vorläufigem Verzicht auf weitere, über das Statut hinaus gehende Präambeln, Proklamationen und Definitionen wählte der Vorstand den Weg der Projektarbeit und veranstaltete gemeinsam mit dem Kuratorium für Journalistenausbildung die Diskussion „Katastrophenjournalismus“ (19.1.2001 im Gefolge des Bergbahnunglücks in Kaprun) sowie in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsblatt zwei Fachsymposien zu aktuellen Themen:
Wenn ich also das Fazit dieser beiden Veranstaltung ziehe, so hat unser Qualitätsverein versucht, durch die Themenwahl in die Hintergründe dessen vorzustoßen, was heute mit Recht oft als Nicht-Qualität gebrandmarkt wird, also: Quotenjagd, Reichweitengier, Ökonomisierung des Redaktionsbetriebs, Product-Placement in den Medien, Versuch der Einflussnahme der Werbewirtschaft auf redaktionelle Inhalte, Ausblendung von wichtigen, aber unverkäuflichen Themen aus den Medien und Ähnliches mehr. In einer gesonderten Veranstaltung leuchtete Herbert Riehl-Heyse den Hintergrund dieser problematischen Entwicklung aus. Publizistik-Institut Wien, Ö1, das Kuratorium für Journalistenausbildung und IQ veranstalteten am 24. Oktober 2002 im Radio Cafe gemeinsam Lesung und Präsentation seines Buches „Arbeiten im verminten Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus“ (Picus-Verlag). Heyse, der sich im deutschsprachigen Raum einen Namen als kritischer und selbstkritischer Journalist gemacht hatte, ist 2003 gestorben. Die Initiative Qualität meldete sich öffentlich zu Wort, wenn dies nötig schien. Einschneidende Sparmaßnahmen in fast allen Medienhäusern waren am 17. Dezember Anlass zu dem Appell:
Was ist Qualität?
Von einer Qualitäts-Initiative sollte man erwarten dürfen, dass sie weiß, was journalistische Qualität ist. Nun wissen wir wahrscheinlich alle, was Qualität ist und was sie ausmacht, also weiß es natürlich auch unsere Initiative. Ich gestehe Ihnen aber, dass wir bis dato nicht einmal versucht haben, eine Definition journalistischer Qualität zu entdecken oder selbst zu finden. Ich schließe nicht aus, dass auch die Definitionsfrage eine der Lücken ist, die irgendwann doch gefüllt werden sollte, aber es ist das nicht unser vordringliches Anliegen.
Mit oder ohne Zutun der Qualitäts-Initiative, ich wage darüber kein Urteil, beschäftigen sich in Österreich immer mehr Leute, Journalisten und auch Medien mit Qualität. Das heißt zunächst nicht mehr als: sie führen Qualität im Munde. Tatsächlich lässt sich journalistische Qualität ja am ehesten an Einzelmerkmalen festmachen, beispielsweise und keinesfalls taxativ aufgezählt:
Nun werden aber in der Debatte recht freizügig Kriterien hinzu gefügt, bloß weil sie jemandem gerade besonders gut passen. Es gibt ja unzweifelhaft eine eindrucksvolle blattmacherische Qualität, sogar der größte Schund ließe sich blattmacherisch optimal präsentieren. Es gibt die Aufdecker-Qualität, die sehr oft, aber durchaus nicht immer ohne ernsthafte Kollision mit anderen Qualitätsmerkmalen zum Erfolg gelangt. Und es gibt schließlich - und da wird es besonders heikel - die Qualität des medialen Erfolges. Darf man einem Produkt, das auf dem Markt ein Bombenerfolg ist, Qualität absprechen? Natürlich darf man das, man wird allerdings auf der Gegenseite und auch beim erfolgs-faszinierten Publikum wenig Beifall ernten. Und muss sofort, um nicht missverstanden zu werden, hinzu fügen: Qualität schließt Markterfolg nicht aus. Ich erwähne das alles nur, um zu zeigen, dass das Eis, auf dem sich die Qualitätsdebatte bewegt, stellenweise glatt und vielleicht sogar brüchig sein kann. Im Vorstand der österreichischen Qualitäts-Initiative gibt es einen stillschweigenden Konsens: Der Verein soll sich nicht zum Richter aufspielen, will nicht Gut- und Schlechtpunkte unter den Medien und Journalisten verteilen. Er wird wahrscheinlich einmal einen Preis für qualitativ hochwertige Leistung vergeben, aber weder die Journalisten noch die Medien mit einem dauerhaften Qualitätssiegel ausstatten, so wie man BSE-freies Rindfleisch und giftfreie Lebensmittel markiert. Diese Zurückhaltung geschieht nicht aus Feigheit, sondern erstens aus der praktischen Überlegung, dass Qualität bei keinem Medium und bei keiner Einzelperson in extrem-vollkommener Ausprägung zu finden ist, sondern immer auch von einem qualitativen Blackout begleitet sein kann. So wie ja auch die Nicht-Qualität in vollendeter Form keinem Medium und keinem Journalisten tribunalartig zugeschrieben werden sollte. Zweitens aber, und das ist der Hauptgrund: IQ sieht die Debatte und das Bemühen um journalistische Qualität als Erfolg an, und dieser Erfolg darf nicht dadurch verrammelt werden, dass man potenzielle Gesprächspartner von vornherein abwehrt und sie ins Abseits jagt. Journalistische Qualität - österreichische BesonderheitenDer eingangs erwähnte „Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich“ kommt auch für das Jahr 2001 zu wenig positiven Äußerungen. Zwei strukturelle Erscheinungen tragen dazu bei, dass Qualität unter Druck kommt, nämlich: a) die Begleiterscheinungen der „Mediokratie“, also der Vernetzung zwischen Politik und Journalismus und somit der Inszenierung der Politik als mediengerechte Show. Und b) die Medienkonzentration auf Kosten der Vielfalt.
Beides wirkt besonders fatal, wenn mit den Mitteln eines Pseudo- und Kampagnen-Journalismus gearbeitet wird - das ist ein dritter Beschwerdepunkt im Journalismus-Bericht. Die Wechselwirkungen zwischen Politik und Medien, über die die Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger („Die Demontage der Politik“, 1998) und Thomas Meyer („Mediokratie“, 2001) Bücher veröffentlichten, ist ein akutes Problem, mit dem sich Journalisten auseinandersetzen müssen und mit dem über Fachkreise hinaus das breite Publikum der Medienkonsumenten konfrontiert werden sollte. Denn das Transparentmachen der eigenen beruflichen Besonderheiten und Methoden gehört zur Informationsaufgabe der Journalisten.
Wien, 3.12.2002
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